Das Leben bezeugen … in einer ungerechten Welt. Mache dich auf!
Mich beschäftigt auch die Corona-Krise, aber nicht nur und ausschließlich. Es gibt viel mehr Themen, die in dieser Zeit zu bedenken sind. Die Bedrohung, der wir ausgesetzt sind, ist weitergehender und existentieller Art. Es geht um das Leben. Und dieses Leben braucht Befreiung aus Unrecht. Eine neue Befreiungstheologie ist zu formulieren, damit wir unseren Kindern und Kindeskindern eine Welt anzubieten in der Lage sind, die ein deutliches Mehr an Gerechtigkeit ermöglicht.
Die Theologie der Befreiung (ThdB) hat sich seit den 1960er Jahren immer mit der Frage der Gerechtigkeit auseinandergesetzt und ist sehr bald unter den Verdacht des Sozialismus geraten. Die Frage nach der Gerechtigkeit ist nun in verschärfter Form wichtig geworden:
In ihren Ursprüngen hat sich die ThdB gegen das Unrecht der Militärdiktaturen vor allem in Lateinamerika gewehrt. Es kam zu einer breiteren Solidaritätsbewegung gegen die dortigen Diktaturen und nachfolgend auch zur Etablierung der ThdB an den europäischen Universitäten und in zahlreichen christlichen Gemeinden.
Heute sind es Populisten und rechte Bewegungen, die nach der Macht greifen, vor Gewalt und Krieg nicht zurückschrecken und auf der Treppe des Berliner Reichstags stehen. Auf diesem Hintergrund braucht es eine sehr eindeutige Parteinahme der Kirchen für die gerechte Teilhabe aller Menschen an der Ausübung von staatlicher Gewalt, die an der Würde des einzelnen Menschen Maß nimmt und gerecht ist.
Schauen wir auf Jesus von Nazaret und auf sein Wirken: Immer wieder hat er die Menschen in die Mitte geholt und sich mit ihnen an einen Tisch gesetzt. Er lebte Gemeinschaft mit denen, die nichts galten und deren Würde und Rechte mit Füßen getreten wurden. Für sie hat er Partei ergriffen.
Will Kirche sich einsetzen für eine gerechte Welt, dann ist sie gehalten genau das zu tun, wofür der Nazarener steht: Partei ergreifen für Menschen, die sonst unter die Räder geraten oder bereits unter sie geraten sind.
Auch heute leiden Menschen, weil ihnen Unrecht angetan wird. Sie wollen aus Unrecht befreit werden.
Es ist ein Unrecht, das zum Himmel schreit, wenn Geflüchtete immer noch in menschenunwürdigen Lagern festgehalten werden, weil es Europa nicht schafft, sich über die Verteilung der Migrant*innen zu einigen, weil Grenzen dicht gemacht werden und schlichte Gastfreundschaft verweigert wird.
Es ist ebenso himmelschreiendes Unrecht, wenn auf der einen Seite Eltern einen zu geringen Lohn erhalten, um ihre Familien mit dem Nötigsten zu versorgen, und auf der anderen Seite die Spitzenlöhne der börsennotierten Unternehmen ins Unermessliche steigen.
Unrecht ist es auch, wenn wir es nicht verstehen, den uns nachfolgenden Generationen eine Umwelt zu übergeben, die Leben ermöglicht – auch deshalb, weil wir nicht zur Kenntnis nehmen, dass es mein Lebensstil sein kann, der Anderen aufgrund des von Menschen gemachten Klimanotstandes ihre Überlebensmöglichkeiten nimmt, und weil wir bescheidenere Formen des Lebens für uns nicht entdecken wollen und wertschätzen können.
Gerechtigkeit wird mit Füßen getreten. Es ist an der Zeit, das Befreiende des christlichen Glaubens neu zu entdecken und zu formulieren – und aus diesen Worten Strategien politischer Art zu entwickeln und das Leben neu zu bezeugen – in dieser so ungerechten Welt.
Sicher wird jetzt der eine Leser oder die andere Leserin meinen: die Frage nach der Gerechtigkeit ist so groß, dass sie mich überfordert. Es ist aber genauso sicher falsch, wenn ich mich mit diesem Argument zurückziehe. Keine und keiner ist allein. Ich darf mich begreifen als jemand, der „ein aktiver Teil einer Veränderung“ ist. So schreibt dies der Jesuit Jörg Alt in seinem Buch „Handelt! Ein Appell an Christen und Kirchen, die Zukunft zu retten!“ (Vier-Türme Verlag, Münsterschwarzach, 2020)
Wenn ich das Leben bezeugen will, kann ich mich nicht zurückziehen. Zumal als Christ und Christin kann ich mich nicht verstecken. Es muss mich vielmehr danach drängen, Zeugnis zu geben für Jesus von Nazaret, mit dem Wort Jesu Partei zu ergreifen für die, die leiden, damit diese sich aus erlittenem Unrecht befreien können.
Das fordert mich als Christ und Christin heraus. Viele Menschen und die ächzende Schöpfung Gottes warten darauf, dass wir für sie die Stimme erheben.
Und mal ehrlich: Wenn es eine Schülerin schafft, mit einem Schulstreik und mit einem Plakat eine neue weltweite Bewegung wie „Fridays for future“ zu initiieren, um die Umwelt zu bewahren, dann sollten auch wir es schaffen, lautstark uns zu Wort zu melden und sehr konsequent in unserem Handeln zu sein.
Bereits 1965 zum Ende des II. Vatikanischen Konzils hat es einen sogenannten Katakombenpakt gegeben. In der Domitilliakatakombe in Rom versammelte sich eine Gruppe von Bischöfen, um sich auf einen einfachen Lebensstil zu verpflichten und um ihre Option für die Armen zu treffen.
Während der Amazonassynode im Herbst 2019 ist der Katakombenpakt von über 40 Bischöfen erneuert worden. Wieder wird eine Brücke geschlagen: zwischen Glaube und Kirche und dem, was die Wirklichkeit des Lebens heutiger Menschen ausmacht.
In dem Text des Katakombenpaktes führt Kardinal Hummes aus:
„Lasst euch vom Mantel der Mutter Gottes und Königin des Amazonasgebietes umhüllen. Lasst nicht zu, dass die Selbstbezüglichkeit uns überwindet, sondern die Barmherzigkeit angesichts des Schreis der Armen und der Erde. Viel Gebet, Meditation und die Gabe der Unterscheidung werden ebenso notwendig sein wie eine konkrete Praxis der kirchlichen Verbundenheit und des synodalen Geistes. Diese Synode ist wie ein Tisch, den Gott für seine Armen bereitet hat und der uns bittet, diejenigen zu sein, die am Tisch dienen.“ (Vatikan News, der neue Katakombenpakt in deutscher Übersetzung).
Das macht mir Hoffnung.
Stellen wir uns an die Seite von Christus – dem Liebhaber des Lebens -, indem wir unsere Option treffen für die Armen und Entrechteten!
Pfarrer Albert Striet
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